„Jeder Lebensbereich eines jeden Menschen wird täglich durch das stille Wirken des Tastsinns geprägt. Es ist das biologisch größte und einflussreichste Sinnessystem, eine Meisterleistung der Natur und zugleich eine Selbstverständlichkeit, die wir kaum bewusst würdigen“.(1) S.10
Small is beautiful in Reinkultur.
Wenn man mit geschlossenen Augen ein (!) Konfetti-Blättchen auf das Gesicht fallen lässt, wird das von der Haut praktisch ohne Verzögerung registriert und im Gehirn zu Reaktionen verarbeitet.
Während bei den anderen Sinnesorgane die Rezeptoren „vor Ort“ sind (Ohr, Auge, Nase, Zunge), sind die Rezeptoren des Tastsinns über den ganzen Körper verteilt (in der Haut, in den Organen, in den Knorpeln…). Die Rezeptoren sind in einem Art Standby-Modus, das Gehirn ist über den Zustand jeder dieser Rezeptoren jederzeit informiert. Tritt eine Aktivierung der Rezeptoren ein, kann dies sofort im Gehirn registriert werden. Diese immense Anzahl von Rezeptoren sendet permanent Milliarden von Impulsen, die das Gehirn verarbeitet. Die neuronale Verarbeitung geschieht dabei nicht in einem speziellen Gehirnzentrum, sondern ist über das ganze Gehirn verteilt.
„Es ist zu vermuten, dass dieses permanente Hintergrundrauschen die biologische Basis für unser stetiges Körpererleben und unsere Bewusstseinstätigkeit darstellt.“ (1) S.98. Wir können ohne zu sehen, ohne zu riechen, ohne zu hören oder ohne zu schmecken leben. Aber ohne Tastsinn würden wir beim nächsten Schritt die Treppe herunterfallen.
(1) Martin Grunwald, Homo Hapticus, München 2023)
Libelle
Eine Libelle, ein zartes fragiles Insekt, hat sich auf einer sensiblen Körperpartie niedergelassen hat. Diese Berührung wird sofort wahrgenommen, die Hautreize werden in einem Areal des Rückenmark verarbeitet; dort wird der taktile Impuls klassifiziert, ob er „angenehm“ oder „unangenehm“ ist.
Wenn Sie die Situation einer „Libelle auf einer Brustwarze“ innerlich nachempfinden/nachspüren, (was auch für Männer auf der Basis der sogenannten Spiegelneuronen problemlos möglich ist):
Welche Empfindung wird bei mir hervorgerufen (angenehm/unangenehm)?
Wie gehe ich damit um, dass diese Entscheidung irgendwo im neuronalen Tastsystem längst getroffen worden ist, bevor die Sinnesreize das Bewusstsein erreicht haben und bewusst entschieden werden kann. Der Tastsinn weiss die Antwort – aber woher?